Persönliche Annäherung an einen andalusischen Rotwein.
Wiederbelebte Weinkultur in der Sierra de la Contraviesa

Abermals schenke ich mir ein Glas Cerro de la Retama 2000 ein und allmählich beginne ich, diesen Wein, der mich beim ersten Schluck keinesfalls begeisterte, in seiner Wesensart und in seinem Stil zu verstehen.
Es gibt Weine, die schon beim ersten Schluck imponieren. Es gibt samtige Schmeichler, subtil-raffinierte Verführer, lieblich-süße Fruchtpakete, gefällige Schoppenweine; es gibt Weine, die sich durch Eleganz, Noblesse oder feurige Leidenschaft auszeichnen; es gibt Angeber, denen man spätestens nach dem zweiten Glas anschmeckt, dass ihnen Tiefe, Eigenart und Charakter fehlen. Es gibt fade, ausdruckslose Weine. Doch von all dem kann beim Cerro de la Retama 2000 keine Rede sein.
Der Cerro, wie ich ihn von nun an, nachdem ich fast zwei Gläser von diesem andalusischen Tinto genossen habe, in vertraulicher Annäherung nennen möchte, kommt aus der Sierra de la Contraviesa, einem etwa 15 Kilometer langen Gebirgszug zwischen der mächtigen Sierra Nevada und der granadinischen Mittelmeerküste. Ich erinnere mich gern an diese rauhe, noch sehr urwüchsige Gegend der schroffen Bergrücken und der schatten-, wasser- und vegetationsreichen Täler. Über diese wilde, keineswegs verzärtelte Sierra de la Contraviesa, wo man nicht wenige Monate im Jahr zu den schneebedeckten Höhenzügen der Sierra Nevada aufblicken kann, fegen im Winter und Frühling kühle, manchmal eisige Winde, dann wieder anhaltende Regenschauer. Selbst im sonnenreichen Sommer wird es dank der frischen, kühlenden Brisen, die vom Hochgebirge oder von der Küste her durchziehen, nie übermäßig heiß.
Auf den schiefer- und mineralhaltigen Höhenzügen dieser Sierra de la Contraviesa werden seit Jahrhunderten Weinreben kultiviert. Wer durch diese kraftvolle, von herber Anmut und stets präsenter Frische geprägte Landschaft wandert, blickt dann und wann - etwa oberhalb der Ortschaft Sorvilán - auf Felder, wo oberarmdicke, bizarr verknotete, manchmal mehr als 100 Jahre alte Rebstöcke wachsen. Eigentümliche, wenig bekannte Rebsorten namens Perruno, Tinto Baretudo, Vijariego, Montúo, Ricardo Puertas, außerdem Jaén Negro und Jaén Blanco, Moscatel, Pedro Ximénez, Airén, auch Garnacha und Tempranillo wachsen auf den bis 1300 Meter über Meeresniveau ansteigenden Höhenzügen. Übrigens: Eine Variante der Tempranillo-Rebe wurde in der Sierra de la Contraviesa schon in der Vergangenheit unter dem Namen Varitú kultiviert. Aber nur wenige uralte Stöcke dieser Rebsorte haben überdauert. Weinbau im großen Stil betreibt hier niemand; die meisten Bauern aus den Gemeindebezirken von Murtas, Polopos, Rubite, Lobras, Sorvilán, Cádiar, Cástaras, Albondón, Turón oder Torvizcón keltern junge, anspruchslose Rosé- oder Weißwein für den Eigenbedarf; da und dort wird Wein in geringen Mengen an Touristen oder an Bar- und Gaststätten-Besitzer an der Küste verkauft. Ich habe hier schon Weine mit sehr schlichtem Ausdruck, manche gar plump, altbacken, ungeschlacht und von unangenehm schwerfälliger Müdigkeit verkostet. Ganz anders der Cerro.
Während ich mir aus der halbvollen/halbleeren Flasche noch ein Glas einschenke und mich weiter zum Charakter des Weins vortrinke, wird mir endgültig klar, dass man dem Cerro seine Herkunft aus der Sierra de la Contraviesa anschmeckt. Wie die Landschaft, so der Wein: kraftvoll, herb und ernst. Nicht, dass es dem Cerro an Frucht und Würze fehlt - Experten haben Brombeeraromen, Gewürznoten von Zimt, Nelke und Vanille, Pfeffer-Aromen, Tabak oder gar Schokolade herausgeschmeckt -, aber er posaunt sie nicht vorlaut heraus. Er ist kein Blender. Überhaupt kommt er im Duft und Geschmack eher verhalten, bedächtig, fast verklemmt daher. Zeit braucht er und Muße, ehe er sich öffnet. Ein fröhlicher und ausgelassener Geselle ist er jedenfalls nicht. Er neigt zur Ernsthaftigkeit, zu Zurückhaltung und Tiefsinn. Und wenn er lächelt, dann nur für einen flüchtigen Moment. Auch ein wenig Wehmut und Melancholie sind ihm nicht fremd. So kommt er mir vor, jetzt, wo ich mich beim dritten Glas mehr und mehr in ihn hineinschmecke.
Wahrscheinlich wird man den Cerro erst so richtig verstehen, wenn man ihn dort genießt, wo er herkommt; am besten auf einem Schieferhügel mit weitem Blick über die Sierra de la Contraviesa. Stellen wir uns vor: der Duft von wilden Kräutern, Ginster und frischer Gebirgsluft; das Gezwitscher der Vögel in den Brombeerhecken; dazu ein mildes, warm und intensiv leuchtendes Abendlicht. Dass der Cerro aus 80% Tempranillo- und 20% Garnacha-Trauben gekeltert wurde, über einen Alkoholgehalt von 14,2 Volumenprozent verfügt, dass er etwa ein Jahr lang in neuen Barrique-Fässern aus amerikanischer Eiche reifte, dass die Rebstöcke auf einer Höhe von mehr als 1200 Metern (auf der Iberischen Halbinsel eine Rarität) wachsen, wo sie nur mit organischen Substanzen gedüngt wurden, sollte zum Verständnis dieses andalusischen Rotweins ergänzt werden.
Genannt werden sollten auch die Akteure, die den Cerro ins Leben gerufen haben: die spanische Kauffrau Isabel del Olmo und der deutsche Weinjournalist und Buchautor Dr. Peter Hilgard als die Pioniere und Eigentümer des 1998 gegründeten, acht Hektar kleinen Weinguts Bodega Los Barrancos S.L. nahe der Ortschaft Lobras in der Sierra de la Contraviesa; Toni Alcover, renommierter Weinmacher aus dem katalanischen Anbaugebiet Priorat, der seine Erfahrungen bei der Vinifizierung einbrachte; César Ortega, ein junger, in Madrid ausgebildeter Önologe, der für die Pflege der Rebflächen und die ordnungsgemäßen Abläufe in der Kellerei zuständig ist. Auch den kleinen Bruder des Cerro, den aus 40% Garnacha- und 60% Tempranillo-Trauben komponierten Corral de Castro 2000, haben die erwähnten Akteure zu verantworten.
Ich habe mich - wo nun das dritte Glas ausgetrunken ist - durch und durch mit dem Cerro angefreundet. Vorhin hatte er wieder für einen flüchtigen Moment gelächelt. Ehe er sich erneut auf seinen ernsthaften, herb-melancholischen und tiefgründigen Charakter besann. Mir schmeckt das sehr, dass sich ein solcher Rotwein aus dem gebirgigen Hinterland der Provinz Granada eher urwüchsig als smart präsentiert.
Harald Klöcker

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